Sachbuch: Wissenschaft und Zeitgeschichte ..




   "Galileo Galilei - Prozess ohne Ende"
  Albrecht Fölsing,
  Rowohlt Verlag,
  ISBN 3 499 60118-4




"... Und sie dreht sich doch!"
Dies ist wohl am ehesten, was viele heutzutage mit Galileo Galilei verbinden, dem Querdenker zur Zeit der Renaissance. Und natürlich, dass wir hauptsächlich ihm das heliozentrische Weltbild verdanken (in Kurzform: Die Erde steht nicht mehr im Mittelpunkt der Welt, sondern dreht sich mit den Nachbarplaneten um die Sonne).
Und reicht das nicht auch? Schliesslich sind inzwischen Jahrhunderte vergangen - genauso wie die Inquisition. Warum also auf 480 Seiten das Leben Galileos nachblättern, wenn wir doch in unseren Medien bereits auf Schritt und Tritt mit der Vita sämtlicher Zeitgenossen berieselt werden .. ? Doch während sich diese Frage vielleicht zu Beginn der Lektüre aufdrängt, stehen einige Seiten später nicht mehr allein Galileo und seine Arbeiten im Brennpunkt des Interesses.
Was dem Autor in dieser Biographie meisterlich gelingt ist nämlich die Einbindung auch und vor allem der damaligen Zeit(genossen). Und auch dem Skeptiker wird bald veständlich, dass es nicht irgendeine Zeit war: Es war der Startpunkt der Moderne und der Konfrontationen, die sich zu Galileos Zeit erstmalig aufbauten und auch heute noch die Gemüter beschäftigen. Galileo, zweifelsohne ein Kind seiner Zeit, steht exemplarisch für die Geburt der Aufklärung - hier im wissenschaftlichen Bereich.
Das, was ihn auszeichnete, waren nicht primär seine Entdeckungen, denn diese sind ihm doch eher per glückliche Fügung zugefallen. Nein - das, was seine Arbeit auszeichnete, war die analytische Ableitung von Gesetzmäßigkeiten, basierend auf eigenen Beobachtungen.

Sehr überzeugend beschreibt Fölsing den damaligen Zeitgeist, den der Inquisition und auch der akademischen Zeitgenossen Galileos. Mit ihnen hatte er seine ersten Kämpfe auszutragen. Sie waren es, die ihn anschwärzten und letztendlich auch vor die Inquisitoren brachten.
Während die Wissenschaft des Mittelalters den Lehren der klassischen Antike und der Philosophie des Aristoteles oder Sokrates huldigte, war wirkliche Innovation nur bedingt möglich. Für uns heutzutage kaum nachvollziehbar, doch Wissenschaft, die über die Arbeiten des Aristoteles hinausging, war schlichtweg nicht existent. Neues wurde abgelehnt: Wie kann es so sein, wenn es sich nicht schon in den Texten der alten Griechen findet oder schlimmer noch: Ihnen sogar widerspricht.
Ein viel gravierenderes Hemmnis bestand natürlich auch durch die Stellung der Bibel als heiliger und somit unfehlbarer Schrift. So war beispielsweise eines der Hauptargumente gegen Galileo das 'Wunder Josuas': In der biblischen Schlacht der Israeliten gegen die Amoriter bittet Josua den Herrn um eine Verlängerung des Tages. Dieser befiehlt: " .. Sonne stehe still ... bis das Volk Rache genommen hat .." Somit war belegt, dass sich die Sonne um die Erde bewegt. Die Leugnung des Bibelzitates als Unwahrheit wäre Ketzerei gewesen und damit ein klarer Fall für den Scheiterhaufen.
Galileo wäre soweit nicht gegangen, denn er selber sah sich nie in Opposition zur Bibel oder Kirche. Er favorisierte eine klare Trennung von empirischer Wissenschaft und religiöser Philosophie. Sehr treffend drückte er es seinen Zeitgenossen gegenüber aus: Die Astronomie beschreibt den Himmel, die Bibel den Weg dorthin.

Zu empfehlen ist diese Biographie all jenen, die selber einwenig Interesse an Zeitgeschichte haben. Aber genauso räumt sie auch auf mit der Fabel vom Galileo-Zitat: Hätte er nämlich nach seinem Abschwören tatsächlich geäußert, dass sich die Erde doch drehe, hätte ihn das Heilige Officium der Inquisition umgehend mundtot gemacht ... auf dem Scheiterhaufen.



by fml
 
© 2001 by Initiative Webart e.V., All rights reserved
Connectivity by: Netdiscounter.de