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Essay und Sachbuch: Von Lochstreifen und Eloi ...
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"Die Diktatur des schönen Scheins"
Neal Stephenson,
Goldmann Verlag,
ISBN 3 442 15177-5
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Apple, Microsoft und Linux - dies sind nur einige der Hauptakteure in Stephensons Essay, in dem er auf
188 Seiten der Geschichte von Betriebssystemen und digitaler Zeitgeschichte nachgeht: Ein
Prozess weg von Lochstreifen, Binärcode und direkter Arbeit auf DOS-Ebene - hin zur userfreundlichen, bunten
grafischen Benutzeroberfläche der Mac- und Windowssysteme, mit denen heute jeder User seine Lieblingsfarben
und -schriftarten am Desktop einstellen kann.
Was zunächst nicht unbedingt spannend und neu erscheinen mag - schliesslich ist die Thematik der Glaubenskriege
"Mac-PC-Windows-Linux" ja nicht unbedingt neu, entwickelt sich in den Zeilen Stephensons zu einer
vergnüglichen Lektüre, die an gute alte Zeiten vor den Terminals mit den grünen Befehlszeilen im dunklen Kämmerlein
erinnert und dabei nicht nur einige Wissenslücken schliesst, sondern auch an Dinge rührt, derer wir
uns im tagtäglichen Umgang am heimischen Mac oder PC nur selten bewusst sind.
Dies fängt schon in unserem Sprachgebrauch an, denn was zunächst aus einer schlichten
Übersetzung unseres realen Arbeitsumfeldes in 'Desktop', 'Arbeitsplatz', 'Wallpaper' (Tapete) und
'Papierkorb' bestand -
läuft inzwischen als eine inhaltliche Umprägung im rechnergestützten Zeitalter in vollem Umfang weiter:
Während noch vor wenigen Jahrzehnten der Terminus 'Dokument' als Urkunde von Geburt bis Tod, von Grundbuch bis
Mietvertrag, als der Inbegriff des Beständigen und Dauerhaften galt, ist das neuerdings digitale
Dokument nicht mehr als eine vorübergehende Erscheinung. Es existiert nämlich genau bis
zu dem Moment des nächsten Speicherns, an dem das 'Alte' durch das 'Neue' ersetzt wird und somit seine Existenz
einstellt.
An diesem Punkt verweist der Autor auf ein wesentliches Merkmal unserer digitalen Kultur: Bezogen auf den
Aspekt digitaler Vergänglichkeit kann unsere Reale Welt der Möbel, Kleidung und PKWs zumindest noch einen Restwert
des Alten festmachen - alte Software hingegen hat plötzlich den Wert gleich Null.
Und dieses extreme Maß an Vergänglichkeit ist es, das eine sich selbst replizierende
Schnelllebigkeit hervorbringt:
In der Verschränkung von Soft- und Hardware verlangt die neue Software nach der jeweils aktuellen Hardware
und das wiederum setzt voraus die allerneueste Software usw...
Dem wollen oder können sich viele gar nicht mehr stellen und letztendlich ziehen sich viele aus dem Kampfgetümmel
zurück und selbst der Hacker, müde geworden über die Jahre, zieht sich zurück an seinen PC mit Windows
vorinstalliert.
Dem Normal-User dagegen war es meist immer schon egal, was oder wie sein Rechner läuft - Hauptsache, dass er läuft!
und zwar mit dem jeweiligen Werkzeug, das er gerade benötigt, sei es nun Word, Photoshop oder der Browser.
Sehr nett umschreibt Stephenson dies mit seiner treffend-faszinierenden Analogie der Eloi und Morlocks:
Wie die Eloi in H.G. Wells 'Zeitmaschine' lebt der User in einer bunten, oberflächlich simplen Welt,
während die Morlocks als Hacker, Programmierer im Hintergrund, im dunklen Untergrund/Underground bauen und arbeiten
und dafür sorgen, dass alles funktioniert.
Für den Eloi-User ist der Computer eine 'BlackBox', die irgendwie funktioniert, und heutige
Benutzeroberflächen sind nichts anderes als ein Spiegel genau dieser Tatsache. Zwar verliert der User damit den
direkten Kontakt zu Computer und Betriebssystem und muss auch den mitgelieferten Ballast samt diverser
Voreinstellungen sowie Fehler des Software-Herstellers akzeptieren, doch zeigt allein die Verbreitung und
Erfolgsgeschichte von Microsoft und Windows, dass genau dies den Erwartungen der Eloi entspricht.
Auch wenn der Autor in seinem Titel provokant von Diktatur und Entmündigung des Users spricht - ergehen wir uns
nicht selber gelegentlich in der Sehnsucht nach der schönen, einfachen Welt der Eloi .. ?
'Die Diktatur des schönen Scheins' ist erschienen im Goldmann-Verlag und durch die Hand des Autors
Kurzweil pur: Die kompakten Kapitel laden ein zu einzelnen 'Lektüre-Häppchen' für zwischendurch oder als 'Betthupferl'.
Spezielles Computer-Wissen wird nicht vorausgesetzt.
by fml
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