Gästebücher, Meinungsfreiheit und Zensur



Auf vielen Websites zählt das Vorhandensein von Gästebüchern zur Standardausrüstung und das nicht ohne Grund: Verleihen sie einer statischen Site doch das Gefühl der Interaktivität und der User verliert seine sonst eher passive Rolle als reiner Betrachter von Inhalten.
Neben der Kommentierung des Seiteninhaltes ergibt sich jedoch ein zweiter ebenso praktischer Aspekt interaktiver Bereiche: Bereits aufgrund des Charakters einer Seite treffen sich User gleicher oder ähnlicher Interessen und finden in einem Gästebuch nun die Möglichkeit sich themenspezifisch auszutauschen und an ein entsprechendes Publikum zu wenden - sei es mit Fragen oder eigenen Beiträgen und Hinweisen.

Gleichzeitig öffnet die Möglichkeit freier und zugangsunbeschränkter Postings jedoch Tor und Tür für den Missbrauch eben dieser Freiheit:
In weiten Kreisen der online-Community werden GBs irrtümlich mit Werbeflächen für die eigene URL verwechselt und genauso bieten sie sich geradezu an, gezielte Angriffe zu fahren. Gerade die Möglichkeit des anonymen Postings macht aus manchem Zeitgenossen einen regelrechten Streiter und Verbal-Helden.
Insofern nicht ganz grundlos haben sämtliche grossen Websites eben dieses frei und jedem zugängliche Kommunikationsforum inzwischen abgeschafft - angefangen von Firmen wie Microsoft, über die bundesdeutschen Parteien, bis hin zu diversen Nürnberger Sites - leider ... - wie man sich eingestehen sollte !

Wie so oft wird dem Aussenstehenden nur zu deutlich, dass es wiederum die Allgemeinheit ist, die unter dem rücksichtlosen Verhalten Einzelner zu leiden hat. Denn es sind die Einzelnen, die in der Anonymität des Netzes ihr Zuhause und ihre Macht zu finden scheinen. Für den Betrachter ist diese Tatsache jedoch nicht immer offensichtlich, denn ein neuer 'Nick' ist schnell gewählt und schon entstehen PingPong-Monologe, in denen man erneut die eigene URL promoted oder eigene Events pushed.
Das mag im Einzelfall noch recht spassig sein, denn zumindest ist es eine kreative Form des Werbe-Postings. Was jedoch den Bereich des Fairen verlässt, sind Formen permanent und subtil-aggressiven Verhaltens mit oder ohne festes Ziel, die sich in ihrer Ausrichtung gegen genau die Seite richten, die sie gerade missbrauchen.
An exakt diesem Punkt endet meist die Geduld von Webmastern sowie Auftraggebern und Gästebücher werden offline geschaltet, mit Passwörtern versehen o.ä. .. und wer könnte sie nicht verstehen - die Webbies, deren GBs in verbalem Schutt begraben werden. Denen die Besucher bewusst oder unbewusst, mit oder ohne Absicht vergrault werden? Die doch mit Sicherheit besseres zu tun haben, als Leuten zu erklären wie man sich als Gast zu verhalten hat?

Es ist eine traurige aber letztendlich Tatsache, dass der Missbrauch der freien Meinungsäusserung eben diese einschränkt. Aber einen Rahmen von Regeln abzustecken ist gleichzeitig ein geringer Preis um diese Foren der freien Kommunikation aufrecht zu erhalten. Jeder Chat hat heutzutage Moderatoren oder Supervisors, der die Rüpel rauskickt, und genauso garantiert der Administrator eines Gästebuchs das Bestehen desselben.

Wer dies mit Zensur verwechselt, dem wird höchtwahrscheinlich der Unterschied zwischen Zensur und Redaktion noch nicht klar sein.
Zensur ist und beinhaltet immer den inhaltlichen Eingriff dritter (!) in das eigene Medium - in die eigene Zeitung, den eigenen Brief, die eigene Webseite. Doch hat der User - meist sogar anonym gepostet - ein Recht auf den Eintrag im Gästebuch oder gehört ihm dieses mit dem Eintrag oder ist er damit dafür verantwortlich und rechtlich haftbar? Die Antwort ist sowohl nach Grundverständnis wie auch juristisch ein klares 'nein'.
Wer würde übrigens in Redaktionen etablierter Medien wie Print, Funk und Fernsehen von Zensur sprechen, wenn es intern um die Verwendung bestimmter Inhalte geht? Gibt es das Recht auf die Veröffentlichung von Leserbriefen?
Es handelt sich um redaktionelle Entscheidungen und niemand käme auf den Vorwurf von Zensur. Entsprechend ist doch wohl auch die Handhabung und Moderation von Gästebüchern zu werten?!

Es ist nicht die Edition von Gästebucheinträgen, sondern der Missbrauch des Mediums, was tatsächlich die freie, vielgerühmte Meinungsfreiheit im Web beschränkt und selbst die Bezeichnung "Gästebucheintrag" ist in vielen Fällen schon längst nicht mehr zutreffend.

Zudem gilt im Virtuellen genau wie im RealLife: Die eigene Freiheit im Netz endet genau dort, wo sie die Freiheit des Anderen beschränkt. Denn das ist einer der Basics und elementaren Grundregeln der "Netiquette":
Vergiss nie, dass dein Gegenüber ein Mensch ist ..

Es wurde kürzlich gesagt: 'Wer Einträge löscht, macht sich damit keine Freunde.'
Doch sind es Freunde, die GB-Einträge jenseits der Umgangs- und Anstandsregeln hinterlassen?'
:o)


Frank-M. Lewecke, 03.08.01
 
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