|
Aspekte der Evolution
Das Informationszeitalter, so wird unsere gegenwärtige Ära oft beschrieben. Oft wird sie definiert durch das ökonomische Rechenexempel, dass durch die Unternehmen der Informationsmedien inzwischen mehr erwirtschaftet wird, als durch das eigentliche produzierende Gewerbe - die klassische Industrie.
Weltkonzerne wie Microsoft sind das Paradebeispiel. Womit handeln sie? Information. Bits und Bytes, digitalen Codes. Um es noch mehr zu reduzieren: Die Zahlen 0 und 1 in variabler und komplexer Abfolge.
Wir, die Produkte einer organischen Evolution haben etwas neues geschaffen -etwas qualitativ neues. Etwas, das wir in seiner ganzen Tragweite vielleicht noch gar nicht richtig erfassen können?
Wie heißt es so treffend: ...den Wald vor Bäumen nicht sehen?
An dieser Stelle einen Schritt aus dem Wald heraus mit der Frage: Was sind WIR denn überhaupt?
Ebenfalls vereinfacht sind wir als Individuum nichts anderes als das Ergebnis eines Programms - ein exe-file. Der ausführende Befehl erfolgte bei der Befruchtung der Eizelle und das Programm lief ab. Ein organisches Programm auf dem organischen DNA-Speichermedium, dem anstelle eines binären eine quartäre Codierung zugrunde liegt. Eine Evolution über hunderte von Jahrmillionen sorgte für eine so komplexe Programmstruktur, dass viele Zeitgenossen eben diese Evolution leugnen, weil ihnen das Resultat als viel zu vollkommen erscheint.
Der Unglauben basiert in erster Linie auf der Diskrepanz zwischen der evolutiven Stunde Null - unseren Anfängen in der organischen Ursuppe - und der Struktur im Status Quo der Jetztzeit. Wie kann eine so komplexe Ökosphere - uns inklusive - allein durch den Zufall entstehen?
Nun, der Denkfehler liegt in der homo-sapiens-typischen Erwartungshaltung - der aktuellen Version des mittelalterlichen Geozentrismus, denn die Evolution hatte nie und wird eines nie habe: Ein Ziel.
Von gelegentlich auftretenden Mutationen - Fehlern in der Programmmatrix - hat zufällig eine einen Überlebensvorteil. Doch auch dieser Weg ist keineswegs linear: Unabhängig von ökologischen Zusammenhängen gibt es genügend Beispiele von "Evolutiven Sackgassen", die eine ganze Stammesgeschichte einfach auslöschen, indem eine beispielsweise überspezialisierte Artenpopulation in sich zusammenbricht. Wie die Paläontologie der letzten Jahrzehnte uns gelehrt hat, tun Katastrophenszenarien oft mit globalen Auswirkungen und regelrechten Aussterbewellen ihr übriges.
Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir jemals geplant, bzw. das Ziel der Evolution waren, ebensowenig wie die Photosynthese oder die Sauerstoffatmung. Es ergab sich seinerzeit einfach so. Dementsprechend sollten wir uns auch von der gängigen Berechnung der Wahrscheinlichkeit unserer Entstehung verabschieden. Zur Veranschaulichung ein Beispiel: Ein Ball liegt auf einem Hügel. Was kann geschehen? Er kann herunterrollen, aber auch oben liegen bleiben. Er kann in alle Richtungen herunterrollen oder unterwegs irgendwo gestoppt werden und da liegen bleiben. Der Möglichkeiten gibt es -nicht-mathematisch ausgedrückt- endlos viele. Selbige Vielzahl von Optionen und Potentialen hat auch die Evolution.
Die Logik unserer Kalkulation hat an dieser Stelle den gravierenden Denkfehler: Wir sehen den Ball an einem Punkt am Fuße des Hügels liegen und berechnen die Wahrscheinlichkeit für einen Ball, der von der Hügelspitze zu genau diesem Punkt rollt und wundern uns, dass die Wahrscheinlichkeit für so einen Fall geradezu unwahrscheinlich ist. Richtigerweise sollte man doch eher berechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit der Ball überhaupt gen Boden herabrollt und siehe da: Diese Kalkulation verleiht Evolution ein ganz andere Wahrscheinlchkeit. Zu beachten sei jedoch die Wortwahl: Anstelle von d e r Evolution sollten wir uns angewöhnen lieber - und der Eindeutigkeit halber- von e i n e r Evolution zu sprechen.
An dieser Stelle möchte ich wieder am Beginn des Digitalen Zeitalters und seiner Bedeutung einhaken: Mit der Schaffung der Binären Matrix haben wir der oben aufgeführten Metapher entsprechend erneut einen Ball auf einen Hügel gelegt; wir haben einen neuen evolutiven Startpunkt gesetzt und die Zukunft wird zeigen, ob, wie und wo er herabrollt.
Gleich der organischen Ursuppe enthält die binär-digitale Matrix das Potential zum Aufbau komplexer Strukturen. Mit den ersten Computerviren entstanden die ersten autonomen, selbstreplizierenden, funktionalen Entitäten analog den ersten organischen Einzellern und der nächste, teilweise bereits existierende Schritt ist die Schaffung/ Entstehung autonomer Viren- oder Spam-suchender Einheiten, die sich frei im Netz verbreiten und replizieren.
Eine Nahrungspyramide entsteht: Fressen und gefressen werden. Stetige Anpassung beider Seiten in der Räuber-Beute-Beziehung. Selektion, Überleben und Auswahl der effektivsten Überlebensstrategien. Derzeit erfolgen diese Prozesse in erster Linie durch den Eingriff der menschlichen Programmierer - noch.
Automatisierung dieser Prozesse ist bereits in vollem Gang und das nächste Entwicklungsziel wird sein die vollständige Autonomie dieser Beziehung: D e r Virus wird am effektivsten sein, der sich selbstständig verbessert, anpasst, Ausweich- und Tarnstrategien entwickelt. Im Gegenzug werden d i e Virenscanner am effektivsten sein, die sich autonom updaten, anpassen; sich kreativ auf die Virenstrategien einstellen.
An vielen Stellen ist es geradezu faszinierend, in welch hohem Maße sich organisch-binäre Analogien entwickeln:
Im Laufe organischer Evolution passt sich ein Virus an seinen Wirtsorgansimus an, bis zu dem Punkt, an dem er ihm nicht einmal mehr schadet - zumindest oberflächlich betrachtet. Warum auch? Mit dem Tod des Wirtes stirbt auch er selbst und es werden langfristig die Viren überleben, deren Wirt am längsten lebt um somit auch umso länger Viruskopien an andere Wirte weiterzugeben. Masern, Röteln, Mumps- Viren, die schon lange mit dem Menschen "zusammenleben". Wie ein altes Ehepaar: Man liebt sich nicht, hat sich aber über die Jahre zusammengerauft...
Typisch ist in diesem Zusammenhang auch das Verhältnis HIV-Virus/ Mensch: Dieser Virus ist erst vor relativ kurzer Zeit auf den Menschen übergesprungen und doch selbst hier zeigen sich bereits Virus-Untergruppen, die den Virusträger schon nicht mehr binnen Jahresfrist töten, sondern teilweise einen Zeitraum von über zehn Jahren überbrücken. Wertungsfrei betrachtet stellt sich zwar die Frage, wer davon momentan mehr profitiert, doch wird sich letztendlich ein Gleichgewicht einstellen mit dem beide gut und vor allem überleben können.
Diese Prozesse evolutiver Harmonisierung finden in verstärktem Maße auch im Bereich unserer binär-digitalen Viren-Wirt Beziehung statt: Ein Virus, der sich um den "format c:\" gruppiert, wird langfristig nicht überleben; aus den gleichen Gründen, wie auch ein organischer Virus den eher subtilen Weg des Überlebens suchen muss. D e r Virus wird am erfolgreichsten sein, der am harmlosesten angesehen, sich am längsten unsichtbar selbst repliziert.
Natürlich sollten wir uns durch die aufgeführten Analogien nicht zu voreiligen Science-Fiction-Szenarien hinreissen lassen. Eines sollten und müssen wir uns jedoch klar machen, auch wenn uns dies im tagtäglichen und selbstverständlichen Umgang in der heutigen Welt des Informationszeitalters vielleicht nicht immer so offensichtlich ist: Wir haben einen Startpunkt gesetzt für die - so würde ich sie bezeichnen - die BinärDigitale Evolution.
Der Ball liegt auf dem Hügel und wir haben ihn bereits angestuppst.
Frank-M.Lewecke, 30.11.99
|